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Circus-Projekttag im Kurs 2

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Schneeregen fällt leise, aber dicht auf die Metalldächer der Fahrgeschäfte und Stände, auf den Wegen bilden sich große Pfützen. Nur vereinzelt hetzen Menschen in schwarzen Winterjacken und versteckt unter Schirmen vorbei. Melissa Trabers Ausblick aus Stand Nr. 117 ist trostlos an diesem Apriltag auf dem Münchner Frühlingsfest. Aber sie nimmt es ganz gelassen: So bleibt wenigstens Zeit zum Lernen.
Die 14-jährige ist umgeben von Plüschtieren, quietschbunten Plastikautos, Trostpreisen in Plastiktütchen und vor allem von unzähligen Luftballons. Die können Besucher gegen Geld mit Spickern versuchen, kaputt zu schießen. Ein Spaß, der scheinbar nicht nur den Ge-schmack der Deutschen, sondern fast aller Europäer trifft. Denn bis auf wenige Wochen im Jahr ist Melissa mit dem Stand in der ganzen Bundesrepublik, in Frankreich, Norwegen, Finnland, Schweden und China unterwegs. Jede Woche woanders. Dass sie deshalb ständig an einer anderen Schule ist und Mitschüler wie Lehrer dauernd wechseln, macht ihr nichts aus. Im Gegenteil: Überall, wo sie hinkommt, trifft sie auf alte Freunde. „Ich bin ein total offener Mensch und schließe ganz leicht Freundschaften“, erzählt sie. „Über WhatsApp und Co. kann man ja ganz leicht Kontakt halten. Und meine Familie reist sowieso immer mit.“ Ihre Familie, das sind immerhin 35 Cousins, Eltern, Zwillingsbruder und Großeltern.
Wenn sie aus dem Ballon-Spicker-Stand blickt, sieht sie ausschließlich Buden, die ihrer Familie gehören.
Direkt gegenüber wartet zum Beispiel ihr Cousin Juliano auf Kunden, die Enten angeln wollen. Ein paar Meter weiter in der Festhalle Bayernland feiert Cousin Lennox beim Gottesdienst der Schausteller gerade seine Kommunion. Melissa hatte dort ihre Firmung. Der zuständige Seelsorger Pater Paul Schäfersküpper
hat Lennox und dem Täufling Sascha Gino heute den Wunsch mitgegeben, dass sie „ihren Mann in dieser Gesellschaft stehen können“. Etwas, das hier wichtig ist, denn die Rollenverteilung unter den Schaustellern folgt ganz klaren, erzkonservativen Regeln. Während die Frauen sich um Haushalt und Kinder kümmern, erledigen die Männer den täglichen Aufbau und die Umzüge. Melissa findet das völlig
in Ordnung. „Männer machen Männerarbeit, Frauen Frauenarbeit. Männer können doch nicht kochen!“
So hat sich auch Melissa dieser Rolle gefügt. Morgens gegen sechs Uhr beginnen ihre Tage. Dann hilft sie im Haushalt, versorgt die jüngeren Kinder, macht das Frühstück und erledigt Hausaufgaben. Die Männer bauen derweil die Stände auf und machen Besorgungen. Ab Mittag sitzt Melissa am Stand, in den Pausen lernt sie für die Schule. Wenn das Frühlingsfest um elf Uhr abends schließt, muss sie den Stand noch dicht machen. Erst gegen Mitternacht kann sie schlafen gehen. Über ein Pensum, das die meisten 14-jährigen wohl kaum schaffen würden, zuckt Melissa nur mit den Schultern. „Für mich ist das normal. Aber klar, ich kriege mit, dass die anderen Schüler schon jammern, wenn sie mal die Spülmaschine ausräumen müssen.“ Sie hat früh gelernt, selbstständig zu arbeiten und sich den
Tag gut einzuteilen. „Meine Familie unterstützt mich sehr, denn die möchten auch, dass ich die
Schule schaffe und eine solide Ausbildung habe.“ In München bekommt sie zweimal in der Woche
für zwei Stunden Besuch von einer Lehrerin, die mit ihr den Stoff durchgeht und sie mit neuen Aufgaben versorgt. Wenn Prüfungen anstehen, besucht sie ihre Stammschule in Trudering. Auch in den anderen deutschen Städten funktioniert das ähnlich. Für die Wintermonate im Ausland bekommt sie sämtliche Schulaufgaben mit. Ihre Lehrer sagen, dass Melissa das Abitur schaffen könnte. „Auf jeden Fall, weil ich bin eine von denen, die Köpfchen hat“, sagt sie. „Aber wenn ich Abitur mache, dann muss ich immer in die Schule und es würde noch sehr lang dauern.“ Das Schausteller-Leben würde Melissa dann zu sehr vermissen. „Man kommt rum, man sieht was von der Welt und man lernt schon von klein auf Fremdsprachen“, schwärmt sie. „Außerdem ist das hier bald mein eigener Stand. Dann bin ich endlich
selbstständig!“ Noch gehört der Ballon-Spicker den Großeltern. Aber schon längst schmeißt Melissa das
Geschäft alleine, kümmert sich um den Betrieb und die Finanzen. In zwei Wochen wird Melissa 15, kurz drauf wird sie ihren Mittelschulabschluss machen. Dann, so ist es mit den Großeltern vereinbart, wird sie den Spicker-Stand übernehmen. Aus dem Schausteller-Kind wird also bald ein eigenständiger Schausteller. Für die hat Pater Paul heute gebetet, ihnen gewünscht, dass das Wetter endlich schön werde. Aber aus dem Schneeregen ist strömender Regen geworden und die Besucher laufen direkt
ins Festzelt. Noch keinen einzigen Kunden hatte Melissa heute. Als Geschäftsfrau ist Melissa betrübt und hofft, dass Gott sich bald gnädig zeigt. Als Schülerin aber jubelt sie: Von so viel Zeit für Schule und Prüfungsvorbereitung kann sie sonst nur träumen.

 Autoren: F. Alefelder, K. Eckl, A. Klimm, S. Schömann-Finck, F. Veser